Vortrag von Wolfgang Schrödter,
gehalten in einer Reihe des Seminars für katholische Theologie der Freien Universität Berlin mit dem Titel "Unsichtbare Religion - Der Streit um das christliche Erbe".
Weite Strukturen der heutigen Einrichtungslandschaft von Krankenhäusern bis ambulanten Diensten haben ihre Wurzeln im kirchlichen Raum. Von den sechs Wohlfahrtsverbänden, die das gesamte nicht-staatliche soziale Angebot organisieren, ist der Caritas-Verband mit der größte, die evangelische Diakonie folgt an zweiter Stelle.
Wir sind also auf der Suche nach dem unterschieden Christlichen, das noch existiert oder das schon wieder existiert in der sozialen Arbeit. Wo suchen wir?
Soziale Arbeit ist ein recht unbestimmter Begriff und wenn wir den Entwurf der europäischen Verfassung und ihre ordnungspolitischen Vorstellungen befragen, so heißt es dort "services of general interests". Auf deutsch sehr fragwürdig übersetzt mit "Daseinsvorsorge", in der Wirtschaftsliteratur lesen wir "3. Sektor" oder ebenso ungenau "Non-Profit-Sektor". Meine Überlegungen möchte ich auf den Markt der sozialen Dienstleistung beschränken, als Geschäftsführer einer Organisation, die auf diesem Markt tätig ist.
Selbstverständlich gibt es ein großes Maß an ehrenamtlichem Engagement in der sozialen Arbeit, häufig gestützt auf Kirchengemeinden und deren Initiativen.
Dort finden wir meines Erachtens das unterschieden Christliche direkt: Engagement und Motivation unmittelbar gestützt auf das Gebot der Nächstenliebe und auf die Einsicht: Es kommt nicht darauf an, "Herr, Herr" zu sagen, sondern den Willen des Vaters im Himmel zu tun (Matthäus 7, 21). In ihrem Reader hat das Herr Peter F. Schmidt mit dem bemerkenswerten Beitrag "pluralistisch-katholisch" deutlich herausgearbeitet.
Also halten wir fest, das unterschieden Christliche finden wir in der ehrenamtlichen sozialen Arbeit engagiert selbstlos und mit Blick auf den Nächsten und Zuwendung zu den Menschen an den Rändern der Gesellschaft.
Aber unser so herrlich harmlos klingender Begriff "Soziale Arbeit" umfasst noch ganz etwas anderes: Dahinter verbirgt sich der größte Wachstumsmarkt in unserer Marktgesellschaft, der heute eine Größe von etwa 60 Mrd. Euro Umsatz hat. Die Caritas hat etwa 23.000 Einrichtungen, 499.000 Festangestellte, das sind etwa 40 % der in diesem Bereich tätigen Menschen.
Und damit beschäftigt nur die Caritas mehr Menschen als Daimler-Chrysler und Siemens zusammen. Hinzu kommen noch ca. 500.000 ehrenamtlich Tätige.
Dieser Markt ist in den letzten Jahren viermal so schnell gewachsen wie die restliche Wirtschaft und wird auch weiter überproportionale Wachstumsraten verzeichnen. Ein Zitat aus der Zeitschrift VM "Umbruch im 3. Sektor": Veränderungen in der Erwerbsquote der Frauen und in der Familienstruktur führen zu einer veränderten Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen, vor allem aus der Mittelschicht und weiter: "Ein noch tiefer liegender Grund für die wachsende Bedeutung des 3. Sektors ist die sich verändernde Rolle des Staates selbst bzw. das Fehlen an Perspektiven des Staates für die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft in der der dritte Sektor eine prägende Rolle spielen könnte oder sollte."
Dann werden wir konkurrenzfähige Produkte anbieten können und die Marktführerschaft, die wir heute noch besitzen, verteidigen können.
Also doch Beliebigkeit, Profillosigkeit, mehr desselben? In zwei Bereichen sehe ich den entscheidenden Unterschied, auch in der diakonischen Wirtschaft:
In unserer kapitalgetriebenen Wirtschaftswelt wird der Mammon zum Gott erhoben, dem mehr oder weniger distanzlos viele in fast mystischer Weise huldigen.
Wenn man an dieser Stelle früher mehrere Seiten lang diese These hätte begründen müssen, hat die Feldbeobachtung während des Börsenhypes im Jahr 2000/2001 abschließend diese These erhärtet.
Von Unternehmensführungen, die die Zukunft ihrer gesunden Unternehmung riskieren und z.B. 50 Mrd. Euro für UMTS-Lizenzen bezahlen, die bis heute noch keinen einzigen Cent eingebracht haben, bis hin zu den zahlreichen Klein- und Großverdienern, die als vernunftbegabte Wesen ihren jahrelang erarbeiteten Kapitalstock, dem sog. "Neuen Markt" opferten, der anschließend sofort wieder abgeschafft wurde. Über diesen gesellschaftlichen Skandal breitet sich nachsichtig der Schleier des Vergessens. Aber wir konnten einen kurzen Moment einen Blick auf die tatsächlichen Realitäten werfen.
Hier liegt aus meiner Sicht ein entscheidender Unterschied. Als diakonische Unternehmen unterwerfen wir uns den Marktgesetzen, aber dennoch bleiben wir auf Distanz, wir nutzen das Geld und das Kapital als Instrument, um unsere Ziele zu erreichen, aber wir geraten nicht in die kritiklose Abhängigkeit von Geld und Gier. Wir sind, was dies anbetrifft, in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt.
Anders ausgedrückt: Bei aller Entsprechung zu Markt und Wettbewerb bleiben wir auch im Widerspruch und Abgrenzung zu den sog. Gesetzmäßigkeiten dieser Gesellschaftsordnung, in der letztlich nur das Geld zählt. Um diesen Anspruch in die täglich Unternehmensführung umzusetzen, müssen wir täglich ringen und kämpfen. Dies ist kein Credo, sondern ein tägliches, neues Entscheiden. Ich bin der Meinung, es lohnt sich. Der im wahren Sinne des Wortes "souveräne Umgang mit dem Geld" ist ein deutlicher Unterschied oder sollte es zumindest sein in der christlich-sozialen Arbeit.
In den christlich geprägten Organisationen haben wir einen Schatz, um den uns viele Unternehmen beneiden: Wir haben eine erzählbare Geschichte, eine Unternehmenskultur und ein Selbstverständnis, besser ausgedrückt ein Bild von uns selbst, das über viele Jahrzehnte hinweg entwickelt wurde und sich bewährt hat. Diesen Schatz müssen wir heben und übersetzen in die neue Sprache.
Mit dieser Grundüberlegung über ethisch/verantwortliches Handeln können wir die vielfältigen Vorstellungswelten der Mitarbeiter bündeln und auf den Kunden und Klienten ausrichten. Während neue Untenehmen erst mühsam mit viel Aufwand und teilweise zwiespältigen Ergebnissen diese Unternehmenswerte entwickeln, erarbeiten und kommunizieren müssen, ist in unseren Institutionen viel davon vorhanden.
Auch unsere Klienten haben Bilder und Vorstellungen über verantwortliches Handeln und zugewandter Hilfeleistung, die sie von unseren Diensten erwarten können, im Kopf. Es bleibt also die Aufgabe, dieses Proprium herauszuarbeiten und Mitarbeitern und Kunden gegenüber zu verdeutlichen, was die Ziele und Grundwerte der Organisation sind und was sie als Kunde von uns berechtigterweise erwarten können.
Ja! Wir können Erwartungen, die über das Produkt Dienstleistung selbst hinausreichen, auch tatsächlich erfüllen.
Vielen Dank
Wolfgang Schrödter
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