Rückblick und Ausblick des Behindertenbeauftragten von Berlin, Martin Marquard
WIR: Zunächst gratulieren wir Ihnen, Herr Marquard, zur Wiederberufung. Zur Amtseinführung vor fünf Jahren haben wir schon einmal ein Interview mit Ihnen geführt. Jetzt möchten wir gerne über die Ergebnisse der letzten Jahre mit Ihnen sprechen. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Martin Marquard:
Das Wichtigste, was wir in den vergangenen fünf Jahren umgesetzt haben, ist die Einrichtung von Arbeitsgruppen „Menschen mit Behinderung“ bei allen Senatsverwaltungen. Die Arbeitsgruppen tagen in unterschiedlichen Abständen, aber insgesamt ist das Landesgleichstellungsgesetz jetzt auch in der Verwaltung angekommen. Die Verwaltung hat verstanden, dass sie verpflichtet ist, die Belange der behinderten Menschen immer zu berücksichtigen und dass da auch ein Beauftragter ist, der beteiligt werden muss.
WIR: Die großen Themen, die Sie damals benannten, hießen Mobilität und Bauen, Pflege/Assistenz, Beschäftigung/Arbeit sowie Anerkennung der Gebärdensprache. Wo stehen wir in diesen Bereichen heute?
Martin Marquard:
In einigen Bereichen haben wir gute Fortschritte gemacht, beim Verkehr und Bauen geht es voran. Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs macht Fortschritte. Wir haben jetzt eine große Herausforderung mit der Umstrukturierung des Telebusses, der noch mehr zum öffentlichen Nahverkehr hin verlagert werden muss. Der Telebus ist ein heißes Thema, auch gerade unter behinderten Menschen, aber ich denke, behindertenpolitisch geht es in die richtige Richtung, auch wenn es Härten geben wird. Der barrierefreie öffentliche Nahverkehr wird weiter ausgebaut.
Im Baubereich wird gerade eine neue Bauordnung verabschiedet, der Senat hat sie inzwischen beschlossen. Jetzt muss sie noch durch das Abgeordnetenhaus. An den Veränderungen dieser Bauordnung sind wir in fast vorbildlicher Weise beteiligt worden. Nach dem es mit einem Senator für Stadtentwicklung eine Zeitlang nicht so gut ging, ging es dann mit einer Senatorin für Stadtentwicklung plötzlich sehr gut. Mit dieser neuen Bauordnung können wir als Menschen mit Behinderung, so meine Meinung, gut leben.
WIR: Und das Themenfeld Beschäftigung / Arbeit?
Martin Marquard:
Hier haben wir Rückschritte erlitten. Bei der Aktion 50.000 Jobs vor einigen Jahren sind viele behinderte Menschen in kurzfristige Beschäftigung gekommen oder in die Rente abgeschoben worden. Angeblich wurde eine Senkung der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung um fast 25 % erreicht. Mit diesem Ergebnis wurde u.a. die Senkung der Beschäftigungsquote von 6 auf 5 Prozent begründet. Nachdem zwei Jahre um waren, schnellte die Arbeitslosigkeit, insbesondere hier in Berlin und Brandenburg, wieder stark in die Höhe. Das ist sehr unbefriedigend. Die Maßnahmen wirkten nicht nachhaltig. Das war ein Kampagne, die gewisse Effekte brachte, aber leider nichts auf Dauer.